Vortragende 2022

Assoc.-Prof.in PDin Mag.a Dr.in Lisa Bartha-Doering

Developmental Cognitive Neuroscience Lab, Universitätsklinik für Kinder-und Jugendheilkunde, Medizinische Universität Wien

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Lisa Bartha-Doering ist Assoziierte Professorin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Wien und leitet dort das Developmental Cognitive Neuroscience Lab. Sie ist Neurolinguistin und hat ihre Ausbildung an der Universität Innsbruck und der University of California, Irvine gemacht. Nach mehreren Jahren an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wo sie sich 2011 für die Fächer Neurolinguistik und Kinische Linguistik habilitierte, ist sie nun seit 10 Jahren an der Medizinischen Universität Wien in Forschung und Lehre beschäftigt. Sie hat einige Forschungspreise erhalten, mehrere Drittmittelprojekte geleitet, zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten publiziert und ist Mitglied der Ethikkommission der Medizinischen Universität Wien.

Wege zur Sprache

Die sprachliche Entwicklung startet nicht erst mit den ersten gesprochenen Wörtern im Kleinkindalter. Schon der Fötus im Mutterleib kann Sprache wahrnehmen und verarbeiten, und noch vor der Geburt entwickeln sich Sprachareale im Gehirn. Was daran ist Veranlagung, und wie kann die frühe Sprachentwicklung des Kindes von der Familie und der Umgebung beeinflusst werden? Zunehmend mehr Kinder wachsen heutzutage mehrsprachig auf. Wie funktioniert Mehrsprachigkeit im Gehirn, und was gilt es hier zu beachten? Gibt es neurologische Unterschiede zwischen jungen und älteren Menschen, die eine zweite Sprache lernen? Wann ist man zu alt für den Zweitspracherwerb? Haben gehörlose Menschen auch Sprachareale im Gehirn? Und was passiert bei neurologischen Erkrankungen, wie flexibel ist das menschliche Gehirn, Sprachareale zu reorganisieren und Sprachfähigkeiten wiederzuerlangen? Was passiert beim dementiellen Sprachabbau?
Diese und weitere Themen zum Spracherwerb und -verlust werden im Vortrag von Lisa Bartha-Doering behandelt. Sie wird verschiedene Methoden vorstellen, mit denen Sprachareale im Gehirn von Föten, Neugeborenen, Kindern und Erwachsenen untersucht werden können, und wird einen Einblick in aktuelle Forschungsergebnisse geben. Sie wird dabei einen Bogen vom Fötus über das Kleinkind und Jugendlichen bis zum älteren Erwachsenen spannen.  


Dilek Fraisl PhD

International Institute of Applied Systems Analysis

Dilek Fraisl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Novel Data Ecosystems for Sustainability (NODES) des IIASA Advancing Systems Analysis Program. Sie hat an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) in Österreich im Bereich Nachhaltigkeitstransitionen promoviert. Dort untersuchte sie die Integration neuer Datenquellen wie Citizen Science und Erdbeobachtung in die amtliche Statistik, um die größten Entwicklungsherausforderungen der Welt - von Armut bis Umweltzerstörung - anzugehen. Fraisls Forschungsinteressen sind nachhaltige Entwicklung, Daten und Statistik, Erdbeobachtung und Citizen Science als Theorie, Praxis und Evidenzbasis für die Politikentwicklung. Sie hat in den Bereichen Data Governance und Datenmanagement gearbeitet, einschließlich der Forschung zur Qualität von Citizen Science-Daten. Sie leitete und beteiligte sich an Citizen-Science-Projekten zu den Themen Meeresmüll, Landnutzung und Bodenbedeckung sowie zu anderen Umweltthemen, die von der Europäischen Kommission, UN-Organisationen und anderen Förderern finanziert wurden.
 

Citizen Science und die Ziele für nachhaltige Entwicklung: Wir zählen auf alle, um für die Zukunft zu kämpfen, die wir wünschen

Citizen Science ist im weitesten Sinne definiert als Teilnahme der Öffentlichkeit an wissenschaftlicher Forschung und Wissensproduktion. Es kann zur Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) beitragen, einer Reihe von Entwicklungszielen zur Bewältigung der größten Herausforderungen der Welt, von Armut bis Klimawandel. Dieser Beitrag wird in der Regel auf zwei Arten geleistet: Unterstützung bei der Überwachung der Fortschritte auf dem Weg zu den SDGs und Unterstützung der Umsetzung der SDGs durch Mobilisierung von Maßnahmen.
Die Verwirklichung der SDGs erfordert tiefgreifende Veränderungen, integrierte Ansätze und fundierte Entscheidungen, die auf genauen, zeitnahen und umfassenden Daten beruhen. Auch wenn sich die Datenverfügbarkeit im Laufe der Jahre verbessert hat, gibt es immer noch große Wissenslücken, wenn es um die Festlegung von Strategien und Maßnahmen geht. Nach Angaben des UN-Umweltprogramms fehlen beispielsweise für 58 Prozent der 92 SDG-Umweltindikatoren Daten. Herkömmliche Datenquellen wie Haushaltsbefragungen, die häufig für die Überwachung der SDGs verwendet werden, sind nicht geeignet, um diese Herausforderung zu bewältigen. Gleichzeitig bieten neue Technologien und Datenquellen wie Erdbeobachtung und Citizen Science ein enormes Potenzial, um diese Datenlücken effizient und effektiv zu schließen. Fraisl et al. (2020) haben beispielsweise gezeigt, dass bürgerwissenschaftliche Daten das Potenzial haben, Daten zu 33 Prozent der 231 SDG-Indikatoren beizusteuern, wobei die Umwelt-SDGs am meisten von Citizen Science-Daten profitieren können. Citizen Science kann auch die Umsetzung der SDGs unterstützen, indem sie das Bewusstsein für die Probleme, mit denen unser Planet konfrontiert ist, auf eine integrative Weise schärft, was das Prinzip "niemanden zurücklassen" der SDG-Agenda unterstützt.



Boris von Heesen

Picture: privat

Boris von Heesen (*1969) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit kritischer Männlichkeit und hat drei Bücher zum Thema veröffentlicht. Zuletzt „Was Männer kosten“ im Mai 2022. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt soziales Marketing folgen erste berufliche Stationen bei der Diakonie in Bayerns sowie in der Drogenhilfe in Frankfurt am Main. 2000 gründet er eines der ersten Online-Marktforschungsinstitute sowie in der Folge weitere Unternehmen. Heute arbeitet er als geschäftsführender Vorstand bei einem Jugendhilfeträger. Nebenberuflich engagiert sich Boris von Heesen als Männer-, Jungen- und Gewaltberater mit eigener Praxis sowie für eine gleichstellungsorientierte Männerarbeit.

Die Statistiken des Abgrunds – Wie das Ungleichgewicht der Geschlechter Jahr für Jahr Milliardenschäden verursacht und es kaum jemanden kümmert

Männer dominieren immer noch Vorstandspositionen, die Sitze in Parlamenten oder auch die Rollen als Bürgermeister in Kommunen. Es gibt aber auch noch eine andere dunkle Seite der gleichen Medaille. Die wird aber nur selten beleuchtet, kaum thematisiert und ist deshalb leider in ihrer Tragweite auch nur den wenigstens Menschen bekannt. Männer und Jungen führen nahezu alle Statistiken an, deren Auswirkungen unsere Gesellschaft enorm belasten: die Unfallstatistik, die Statistik der Verkehrsdelikte, die Suchthilfestatistik, die Kriminalstatistik, die Jugendhilfestatistik, die Statistik der Gefängnisinsassen oder die Statistiken ernährungsbezogener Krankheiten. In der Präsentation gibt der Referent zunächst einen Einblick in das dramatische Ungleichgewicht der Geschlechter in den oben benannten amtlichen Statistiken. In einem zweiten Schritt verwendet er die Sprache des Kapitalismus und ermittelt auf Basis von Kostendaten öffentlicher Institutionen die volkswirtschaftlichen Folgekosten dieser Statistiken, die unsere Gesellschaft enorm belasten. Die errechneten Beträge verdeutlichen die Tragweite der Schieflage der Geschlechter und wirken gleichzeitig wie ein Lichtkegel auf ein gesellschaftliches Problemfeld, dass bisher im Schatten lag. Im abschließenden Teil des Vortrags präsentiert der Referent zunächst anhand einer Reihe verschiedener Beispiele mögliche Ursachen für das Ungleichgewicht Geschlechter. In der Folge bietet er mehrere mögliche Lösungsansätze an, wie der Disparität kurzfristig, aber auch mittel- und langfristig systematisch entgegengewirkt werden kann.


LEIDER ABGESAGT!!!!! Prof.em. Dr. Bernd Heinrich

University of Vermont, USA

Bernd Heinrich wurde in Deutschland geboren und ist emeritierter Professor für Biologie an der University of Vermont, USA. Heinrich hat wichtige Beiträge zur Erforschung der Physiologie und des Verhaltens von Insekten und Vögeln in komplexen Interaktionen mit anderen Arten geleistet. Heinrich hat mehr als ein Dutzend Bücher und Hunderte von begutachteten Veröffentlichungen verfasst, die sich hauptsächlich mit den physiologischen, ökologischen und verhaltensbezogenen Anpassungen von Tieren und Pflanzen an ihre physische Umgebung befassen. Er hat aber auch Bücher geschrieben, die mehr seine persönlichen Reflexionen über die Natur beinhalten. In diesem Vortrag wird er Einblicke in sein Leben als Biologe geben und erläutern, wie scharfe Beobachtungen und ein hinterfragender Geist zu Erkenntnissen führen können, die für eine sich schnell verändernde Welt relevant sind.

Das Leben eines Biologen: Beobachtungen, Gedanken und Entdeckungen

In diesem Vortrag wird Bernd Heinrich Einblicke in sein Leben als Biologe geben und erläutern, wie scharfe Beobachtungen und ein hinterfragender Geist zu Erkenntnissen führen können, die für eine sich schnell verändernde Welt relevant sind.


Univ.-Prof.in Dr.in Jutta L. Mueller

Institut für Sprachwissenschaft, Universität Wien

Picture: Barbara Mair

Jutta L. Mueller forscht zu verschiedenen Aspekten des Sprachverstehens und zu grundlegenden Lernprozessen, die den Spracherwerb ermöglichen. Durch neurophysiologische und Verhaltensexperimente mit Kindern, Erwachsenen und nicht-menschlichen Tierarten möchte sie die Onto- und Phylogenese des sprachlichen Lernens und sprachlicher Kognition verstehen. Welche besonderen (oder auch nicht-besonderen) menschlichen Fähigkeiten ermöglichen es Sprache(n) zu lernen? Welchen Nutzen bringt es für andere Denkprozesse, wenn uns ein Sprachsystem zur Verfügung steht? Mueller arbeitet am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien, wo sie das Psycholinguistische Labor Babelfisch leitet, in dem neurophysiologische Experimente und Verhaltensstudien mit Menschen aller Altersgruppen durchgeführt werden.

Sprachliches Lernen im Verlauf der Lebensspanne: Worin Babys Erwachsene übertreffen

Neurophysiologische Verfahren wie zum Beispiel die Elektroenzephalographie (EEG) können zeigen, dass schon wenige Monate alte Babys komplexe Regeln und Wörter aus der sprachlichen Umgebung filtern können. Das Gehirn scheint automatisch diejenigen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Lauten oder auch Lauten und Objekten herzustellen, die für den Erwerb der Sprache wichtig sind. Auch das erwachsene Gehirn kann Wörter und Regeln lernen, jedoch unter ganz anderen Bedingungen als in den ersten Lebensjahren. Mueller wird eine Reihe neurophysiologischer Studien vorstellen, welche die Entwicklung sprachlicher Lernmechanismen untersuchen und auch zeigen, welche Lernfähigkeiten wir mit anderen Tierarten teilen. Unsere Untersuchungen an Babys, Kleinkindern, Erwachsenen und Primaten zeigen große Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Tieren sowie einen einzigartigen Entwicklungsverlauf beim Menschen. Es ist beeindruckend, wie komplexe Fertigkeiten der Mustererkennung bereits bei unseren stammesgeschichtlich nahen Verwandten, den Schimpansen, vorhanden sind. Ähnlich wie bereits Babys können sie einzelne Töne zueinander in Bezug setzen, selbst wenn andere Töne dazwischenliegen. Babys lernen solche komplexen Muster selbst dann innerhalb weniger Minuten, wenn sie in einer noch nie gehörten Fremdsprache präsentiert werden. Erwachsene Menschen hingegen scheinen auf den ersten Blick die Fähigkeiten der Babys verloren zu haben. Sie haben vermutlich aber auch etwas gewonnen: Die Funktion der sogenannten „kognitiven Kontrolle“ führt dazu, dass anders gelernt wird: bewusster, selektiver und oft auch effizienter. Die beiden Lernprofile sind perfekt auf die Anforderungen der jeweiligen Altersstufen abgestimmt. Das Wissen darum kann jedoch helfen, Lernumgebungen zu optimieren, damit wir unsere kognitiven Fähigkeiten in allen Lebensstufen weiterentwickeln können.


Univ.-Prof. Jean-Loup Rault PhD

Institut für Tierschutzwissenschaften und Tierhaltung, Veterinärmedizinische Universität Wien

Picture: Vetmeduni

Jean-Loup Rault ist Professor für Tierschutzwissenschaften an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Er studierte zunächst Landwirtschaft, bevor er sich der Forschung über Tierverhalten und Tierschutz zuwandte. Dies führte ihn zu Studien und Aufenthalten in Frankreich, Argentinien, den Vereinigten Staaten, Australien und nun Österreich. Er hat mit vielen Haustierarten gearbeitet, vor allem mit Schweinen (seinen Lieblingstieren), aber auch mit Kühen, Hühnern, Ziegen, Schafen, Pferden und Hunden. Seine gesamte berufliche Laufbahn hat er der Tierschutzforschung gewidmet, um zu verstehen, wie Tiere die Art und Weise empfinden, wie wir Menschen sie halten oder behandeln, und um zu erforschen, wie wir unseren Umgang mit den Tieren in unserer Obhut verbessern können.

 

 

Tierschutz aus der Sicht des Tieres

Woher wissen wir, ob es einem Tier gut geht? Wie ein Tier sich fühlt? Das sind wichtige und doch schwierige Fragen. Wir sehen klare Beispiele, wenn ein Tier ängstlich ist, spielt oder Schmerzen hat. Dennoch bleiben viele Situationen unklar oder schwer zu interpretieren. Hier kommt die Rolle der Tierschutzforschung ins Spiel: Sie soll wissenschaftliche Erkenntnisse schaffen, um gesellschaftliche Diskussionen und Debatten über Tierschutzthemen zu informieren. Dies wird erreicht, indem man die Sichtweise des Tieres heranzieht. Die Tierschutzwissenschaft geht davon aus, dass wir das Wohlergehen von Tieren beurteilen können, indem wir Informationen über die biologischen Reaktionen von Tieren auf ihre Umwelt oder die Situation, in der sie leben, sammeln. Dies erfordert häufig artspezifische Ansätze, die auf den Fähigkeiten und Bedürfnissen der Tiere basieren. Außerdem müssen wir von Anthropomorphismus Abstand nehmen, d. h. von der Vorstellung, dass Tiere genauso sind wie wir Menschen. Es wurde eine Reihe wissenschaftlicher Ansätze entwickelt, um Rückschlüsse auf das Wohlergehen von Tieren zu ziehen. Die Beobachtung des Verhaltens der Tiere, d. h. der Art und Weise, wie Tiere mit ihrer Umwelt (auch untereinander und mit Menschen) interagieren, ist das am häufigsten verwendete Instrument. Dies liegt daran, dass das Verhalten praktisch und von außen sichtbar ist und im Allgemeinen einen umfassenden Eindruck davon vermittelt, wie es einem Tier geht. Wissenschaftler*innen haben auch Präferenz- und Motivationstests entwickelt, um die Tiere auf nonverbale Weise zu fragen, was sie wählen oder was sie wollen. Physiologische Messungen geben Aufschluss darüber, wie sich diese Situationen auf die Körperfunktionen des Tieres auswirken. Die Veterinärwissenschaften sind vor allem bei schwerwiegenden Tierschutzproblemen von Nutzen, wenn das Tier bestimmte Herausforderungen nicht bewältigen kann, die in der Folge zu gesundheitlichen Problemen führen. Die Tierschutzwissenschaft befindet sich in ständiger Entwicklung, und neue Ansätze wie die Neurobiologie bieten neue Instrumente, um Einblicke in die Art und Weise zu gewinnen, wie Tiere Erfahrungen wahrnehmen und verarbeiten, sowie in deren Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Tieres.


Dr.in Petra Sumasgutner

Department of Behavioral and Cognitive Biology, Univerität Wien

Picture: Daniela Matejschek

Petra Sumasgutner arbeitet seit 15 Jahren in der Greifvogelforschung und hat sich auf die Stadtökologie spezialisiert: Sie untersucht die Auswirkungen des Menschen auf unsere Tierwelt, sei es in Form direkter Störung oder baulicher Infrastruktur. Sie hat 2014 an der Universität Wien promoviert und ist nach Post-Doc Erfahrungen an der Universität Turku, Finnland und der Universität Kapstadt, Südafrika, wieder in Österreich um hier die Bewegungsökologie von Greifvögeln und Rabenvögeln im anthropogenen Raum zu verstehen.

Greifvögel in der Stadt

Petra Sumasgutner lädt in diesem Vortag zu einem Ausflug in die Vielfalt der Stadtökologie ein und wird der Frage nachgehen, wie Greifvögel auf uns Menschen reagieren. Es werden Beispiele aus aller Welt gebracht und besonders die Greifvogelforschung aus Afrika hervorgeheben. Urbanisierung stellt eine große Bedrohung für die Biodiversität dar, die in anthropogenen Landschaften geringer ist als in natürlichen Lebensräumen. Die Verstädterung ist ein globales Phänomen das rasant zunimmt, wobei weltweit mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land und der Urbanisierungstrend in Afrika deutlich stärker ausgeprägt ist als auf anderen Kontinenten. Auch die meisten heimischen Greifvogelarten stehen auf der roten Liste der gefährdeten Tiere, sie reagieren sensibel auf menschliche Störung und sind – an der Spitze der Nahrungskette positioniert – anfällig gegenüber jeglicher Umweltveränderungen. Dennoch finden wir einige Greifvogelarten in Ballungsräumen wo sie wesentlich zur funktionalen Vielfalt der Stadt als Ökosystem beitragen. In meinen eigenen Studiensystemen Turmfalken in Wien, Wanderfalken und Dominohabichten in Kapstadt sowie Kronenadlern in Durban, können wir auf Langzeitdaten zurückgreifen, und haben individuell markierte Individuen dessen Lebenszyklus wir teils vollständig verfolgen können. Dadurch können wir die Gesundheit der Tiere betrachten, Verhaltensveränderungen beobachten, ihren Bruterfolg und ihre Überlebensrate messen, und so Rückschlüsse auf Anpassungen an die Stadt und die Stabilität der lokalen Populationen ziehen. Greifvögel als Beutegreifer geraten zudem immer wieder in Konflikt mit dem Menschen – wie Nutz- und Haustierbesitzer – ein Thema welches durchaus polarisiert und oftmals in illegaler Verfolgung bzw. Vergeltungstötungen endet. Die Stadt stellt aber nicht nur eine Bedrohung dar, sondern bietet auch eine wertvolle Chance: Tiere in der Stadt sind oft der einzige Kontakt zwischen der ‚Wildnis‘ und dem Menschen, und Greifvögel konkret werden oft als charismatisch oder sogar majestätisch angesehen, was ein wichtiges Werkzeug für die Öffentlichkeitsarbeit, Umweltbildung und den Naturschutz sein kann.