Vortragende 2021

Prof. Dr. Sebastian Bamberg

Fachbereich Sozialwesen, Fachhochschule Bielefeld

Foto: FH Bielefeld

Sebastian Bamberg ist Professor für Sozialpsychologie und quantitative Forschungsmethoden an der Fachhochschule Bielefeld. Seine Forschung konzentriert sich auf Einstellungs-Verhaltensmodelle, Modelle freiwilliger individueller Verhaltensänderung sowie Verhaltensmodelltheorien und soziale Identitätstheorie. Er entwickelt theoretische Interventionen und Bewertungen, Methoden im Zusammenhang mit der Transformation der Nachhaltigkeit in Bereichen wie Mobilität, Belastbarkeit und Umweltaktivismus.

Ist der Geist willig, aber das Fleisch schwach? Zur Psychologie freiwilliger Verhaltensänderung

Die aktuelle Debatte, was wir tun müssen, um die umweltpolitischen Klimaziele zu erreichen, rückt das Thema freiwilliger individueller und kollektiver Verhaltensänderungen in den Mittelpunkt. Man würde erwarten, eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zu finden, die die Dynamik freiwilliger Verhaltensänderungsprozesse sowie ihre psychosozialen Treiber analysieren. Ein Blick in die vorhandene Literatur ist jedoch ziemlich enttäuschend: Die Literatur wird noch immer von relative statischen Modellen dominiert, die wenig Information über den Beginn, den Ablauf sowie Gründe für den Erfolg bzw. das Scheitern freiwilliger Veränderungsprozesse liefern, Der Vortrag diskutiert neuere theoretische Perspektiven zur Erklärung von Verhaltensänderungsprozessen. Zu diesem Zweck identifiziert er in einem ersten Schritt fünf übergreifenden Themen, die theoretische Erklärungen für verschiedene Stadien von Verhaltensänderungsprozessen darstellen: Motive, Selbstregulierung, Ressourcen, Gewohnheiten und ökologische/soziale Einflüsse. In einem zweiten Schritt wird das Stufenmodell der selbstregulierten Verhaltensänderung (SSBC) als Beispiel für einen theoretischen Rahmen präsentiert, der verschiedene theoretische Themen in ein testbares Modell integriert. Es wird gezeigt, wie sich das Rahmenmodell zur Entwicklung von systematischen, auf Verhaltensänderung abzielenden Interventionen sowie deren empirischer Wirkungsanalyse nutzen lässt.


Mag. Dr. Robert Brodschneider

Institut für Biologie, Bereich Zoologie, Universität Graz

Foto: Fabian Alber

Robert Brodschneider ist Lehrbeauftragter und Forscher am Institut für Biologie der Karl-Franzens-Universität Graz. Sein Forschungsgebiet umfasst soziale Insekten, vor allem die Honigbiene. Sein Forschungsinteresse liegt in der Ernährung der Honigbiene, Winterverluste von Bienenvölkern sowie Honigbienen zur Untersuchung von Umweltbelastungen. Seine Zusammenarbeit mit Imker*innen hat zur Einführung von Citizen Science in die Forschung an der Honigbiene geführt, wodurch sich großräumige Untersuchungen zur Völkersterblichkeit und der Umweltfaktoren der Honigbiene ergeben haben.

Bienen, Blüten, Pestizide - ImkerInnen Imker*innen als Citizen Scientists

Honigbienen (Apis mellifera) sammeln Nektar und Pollen im Radius von etwa 3 Kilometern um ihr Nest. Vor allem der eingetragene Pollen, die Eiweißquelle der Honigbienen, zeigt uns die Vielzahl der für die Bienen und andere Bestäuber erhältlichen Pollenspender. Der Pollen kann lichtmikroskopisch oder mit molekulargenetischen Methoden auf seine botanische Herkunft hin untersucht werden. Beim Sammeln kommen die Arbeitsbienen aber auch mit vom Menschen ausgebrachten Umweltbelastungen in Berührung, und bringen diese mit ins Nest. Dort können Proben genommen werden, die Aufschluss über die in der Umwelt der Bienen vorkommenden Umweltschadstoffe geben. Gemeinsam mit Imker*innen als Citizen Scientists haben wir in Österreich im Rahmen der „C.S.I. Pollen“ Studie die saisonale Biodiversität der Pollenspender unserer Honigbienen untersucht und die wichtigsten Nahrungspflanzen der Bienen identifizieren können. So sammeln die Bienen bis etwa Mai Pollen hauptsächlich an Bäumen, bevor die krautigen Pflanzen als Pollenspender dominieren. Dabei konnten auch Phasen identifiziert werden, in denen die Honigbienen sich vorwiegend vom Pollen einer einzigen Pflanze ernähren, was für die Entwicklung der Völker Einschränkungen darstellen kann, vor allem wenn der ernährungsphysiologische Nährwert des Pollens nicht hoch ist! Im von der Europäischen Union geförderten Projekt „INSIGNIA“ wurde die Untersuchungspalette der von den Bienen gesammelten Proben auch auf Pestizide erweitert. Mehr als 80 Imker*innen in neun europäischen Ländern haben in den Saisonen 2019 und 2020 als Citizen Scientists mitgeholfen, weitreichende Lebensräume der Honigbienen zu untersuchen. Ich präsentiere in diesem Vortrag die Motivationsgründe der Citizen Scientists, sowie erste Ergebnisse der Untersuchung. Klar gezeigt werden kann, dass die Einbeziehung der Imker*innen als Citizen Scientists großräumige wissenschaftliche Untersuchungen nach einem standardisierten Protokoll ermöglicht. Umweltchemikalien (zum Teil in sehr geringen Konzentrationen) können nachgewiesen werden, wobei die Herkunft oft unklar ist. Sowohl die Umweltbelastung als auch die Erfassung der Biodiversität soll in weiterer Folge Aussagen über unterschiedliche Habitate (zum Beispiel Stadt/Land) und internationale Vergleiche ermöglichen.


Assoz.-Prof.in Priv.-Doz.in DDr.in Daniela Haluza

Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien (MeduniWien)

Foto: MedUniWien

Daniela Haluza ist Fachärztin für Hygiene und Mikrobiologie und arbeitet am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien (MeduniWien) als habilitierte Public Health-Expertin mit einem Forschungsschwerpunkt im Bereich Umweltmedizin. Sie hat Humanmedizin und Angewandte Medizinische Wissenschaften studiert und eine Zusatzausbildung in Open Innovation in Science absolviert. Ihr besonderes Interesse gilt dabei der evidenzbasierten Forschung und der positiven Gesundheits- und Wissenschaftskommunikation. Die von ihr gegründete Forschungseinheit Green Public Health erforscht schon seit über 10 Jahren, wie Stadtbegrünungen und Waldlandschaften zur Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden beitragen. Derzeit leitet sie an der MeduniWien zahlreiche Forschungsprojekte zu Natur und Gesundheit – ganz aktuell das europaweite Projekt „Dr. Forest: Baumdiversität und Gesundheit“ (https://www.dr-forest.eu/). In diesem spannenden Projekt erforscht ein EU-weites Forschungskonsortium aus den Bereichen Ökologie, Medizin, Biologie und Forstwissenschaft die gesundheitsfördernde Wirkung von unterschiedlichen Waldkulturen. Zum Beispiel wird untersucht, inwieweit Klangvielfalt – zum Beispiel Geräusche durch Vögel, Frösche oder Heuschrecken – in artenreichen Wäldern die Erholung und die Verminderung von Stress beim Menschen beeinflusst.

Natur und Gesundheit: Neues aus der Wissenschaft

Erst in den letzten Jahren hat das wachsende Interesse der Bevölkerung und der Wissenschaft auch hierzulande in Österreich einen wahren Boom für die evidenzbasierte Erforschung der Gesundheitswirkung von Naturräumen ausgelöst. In diesem Vortrag erfahren Sie mehr zu den aktuellen Trends in der Forschung zur Wirkung von Naturräumen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Der Aufenthalt im Freien und der positive physiologische Effekt von körperlicher Bewegung sind per se stressreduzierend und werden als angenehmer Kontrast zum beruflichen, meist sitzend verbrachten Alltag empfunden. Die Naturwirkung wird als ein vielschichtiges Zusammenspiel einzelner Komponenten vermittelt und ist mehr als die Summe der Einzelaspekte Bewegung, frische Luft, Erholung, Freizeit etc. Jeder Wald ist ein Unikat und jeder Mensch bringt individuelle Erwartungen und Vorlieben mit an den freizeitmäßigen Aufenthalt in der Natur. Die Erholsamkeit von Naturräumen kann durch die Messung bestimmter psychologischer und physiologischer Kenngrößen quantifiziert werden. Dazu zählen z.B. Zufriedenheit, Stresserleben, Herzrate, Blutdruck und Cortisolkonzentration. International gesehen gibt es vor allem in den USA, in Japan und in Skandinavien aktive Forschungsgruppen, die die Wirkung der Natur auf Gesundheit und Wohlbefinden empirisch erforschen. Diese Arbeiten sind allerdings schwer vergleichbar, da heterogene Methoden angewandt und unterschiedliche Studienpopulationen erforscht werden und die Dauer des untersuchten Waldaufenthalts stark variierte. Zusätzlich sind Begriffe wie Natur, Grünraum, Wald etc. aus soziokulturellen und geografischen Gründen unscharf konnotiert und fließend. Diese Überlegungen treffen auch für die Differenzierung kurz- und längerfristiger Gesundheitseffekte und Aspekte der Gesundheitsvorsorge, Krankheitsprävention und Rehabilitation zu. Die Forschungsergebnisse selbst sind aufgrund der oft recht kleinen und nicht repräsentativen Studienpopulationen schwer generalisierbar, was ein klarer Auftrag an uns Forscher*innen in Österreich ist!


Dr. Josef Hemetsberger

Josef Hemetsberger ist langjähriger Mitarbeiter und stellvertretender Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle, der Core Facility für Verhaltens- und Kognitionsbiologie der Universität Wien in Grünau im Almtal. Der promovierte Biologe und Ornithologe beschäftigt sich zum einem mit dem Langzeit-Monitoring der Graugansschar, welche einst Konrad Lorenz im Almtal ansiedelte, zum anderen mit der Vogelberingung. Dabei werden wildlebende Vögel, sowohl Brutvögel als auch Durchzieher gefangen, bestimmt, vermessen und beringt und anschließend wieder freigelassen. Dabei beteiligt er sich am internationalen Programm „Integriertes Monitoring von Singvogelpopulationen“ (IMS). Das Projekt beinhaltet die Erfassung der jährlichen Fortpflanzungsrate und der jährlichen Überlebensrate durch standardisierten Netzfang. Außerdem begleitet er zahlreiche Exkursionen der Universität Wien.

Mag. Stephan Weigl

Foto: Anna Weigl

Geboren 1963 in Linz; 1982-88 Studium der Biologie/Zoologie in Salzburg; seit 1990 am Oberösterreichischen Landesmuseum als Leiter des naturwissenschaftlichen Ausstellungsreferats und der zoologischen Präparation, ab 2013 Leiter der Sammlung Wirbeltiere und seit 2018 interimistischer Leiter des Bereichs Naturwissenschaften/Biologiezentrum (ab 2020 Teil der OÖ Landes-Kultur GmbH). Schwerpunkte des persönlichen Interesses liegen auf der Ornithologie und Tierpräparation, was sich auch in zahlreichen Reisen, vor allem nach Südostsibirien, niederschlug, wo es zur fachlichen Zusammenarbeit mit der Universität und dem Naturkundemuseum in Ulan-Ude/Burjatien kam. Seit 2004 Juror für nationale und internationale Präparatoren Wettbewerbe.

Norbert Pühringer

Foto: privat

Neben der Arbeit in einer kleinen Landwirtschaft im Almtal ist Norbert Pühringer schwerpunktmäßig freiberuflich im Natur- und Artenschutz in Oberösterreich tätig. Als Autodidakt ist er seit seiner Jugend in der Ornithologie aktiv, u. a. durch die Mitarbeit an allen drei Brutvogelatlanten Oberösterreichs, zuletzt maßgeblich am „Atlas der Brutvögel Oberösterreichs 2013-2018“ (wissenschaftliche Redaktion und Koordinierung). Die ornithologischen Interessen sind sehr breit gestreut, allerdings mit Schwerpunkten bei den Wald- und Gebirgsvogelarten (Schwarzstorch, Raufußhühner, Eulen, Spechte u. a.). Ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld ist außerdem die Vogelfotografie und damit verbunden eine rege Publikations- und Vortragstätigkeit.

Von Raritäten und Allerweltsvögeln – Das Almtal und seine Vogelwelt

Auf der 48 km langen Fließstrecke der Alm durchschneidet der Fluss verschiedenste Lebensräume Oberösterreichs, vom Alpenvorland am Unterlauf bis zu den Hochlagen des Toten Gebirges mit bis zu 2515 m Seehöhe am Großen Priel. Dementsprechend beherbergt das Gebiet auch eine besonders artenreiche Vogelwelt: Allein im inneren Almtal zwischen Pettenbach und dem Almseegebiet leben etwa 120 Brutvogelarten, darunter Raritäten wie Weißrückenspecht und Zwergschnäpper.
Eine Zusammenstellung der Vogelwelt zur Zeit um 1821 (Witsch) ermöglicht uns heute den Rückblick auf genau 200 Jahre Veränderungen in der Region, allerdings fehlen in der Folge Aufzeichnungen aus dem Almtal bis in die Zeit um 1970 – abgesehen von Belegen in der Stiftssammlung Kremsmünster und am Biologiezentrum der OÖLKG. Erst durch die Arbeiten zum 1. OÖ Brutvogelatlas durch G. Mayer verdichten sich auch im Almtal wieder die ornithologischen Daten. Aber erst mit den Erhebungen zum 2. (1997-2001) und dem 3. OÖ Brutvogelatlas ( 2013-2018) und der Nutzung der digitalen Datenbank ZOBODAT am Biologiezentrum, war eine effiziente und umfangreiche Datensammlung und -auswertung möglich. Richtiggehend revolutionär für den Dateneingang erwies sich die Einführung der Meldeplattform ornitho.at, von BirdLife Österreich, als Meldesystem für Vogelbeobachtungen. Heute ist die Dateneingabe über die Smartphone-App Selbstverständlichkeit und animiert immer mehr „Citizen Scientists“ ihre Beobachtungen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.
Eine weitere Datenquelle stellt die wissenschaftliche Vogelberingung dar, die am südlichen Almseeufer regelmäßig stattfindet. Dabei werden durch langjährige und standardisierte Markierungsprogramme Daten generiert, die Aussagen über populationsökologische Entwicklungen heimischer Vogelarten zulassen und somit Grundlagen für den faktenbezogenen Naturschutz liefern. Da Vogelzug meist heimlich erfolgt, findet sich in den Netzen oft die eine oder andere Überraschung.
Dass das Almtal kein unberührtes Paradies ist, zeigt auch das Verschwinden empfindlicher Vogelarten der Kulturlandschaft wie Dorngrasmücke oder Braunkehlchen. Den Verlusten stehen allerdings auch einige bemerkenswerte Neuzugänge in der Brutvogelfauna wie Schwarzstorch, Rotmilan oder Halsbandschnäpper gegenüber.


DIin Dr.in nat.-techn. Christina Pichler-Koban

E.C.O. Institut für Ökologie und Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

Foto: Johannes Puch/E.C.O. Institut für Ökologie

Christina Pichler-Koban, Landschaftsplanung und Doktoratsstudium an der Universität für Bodenkultur Wien, forscht bei E.C.O. Institut für Ökologie und an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt zu aktuellen Naturschutzthemen, zur Geschichte des Naturschutzes und seinen Wirkungen an den Schnittstellen der Gesellschaft, zu Fragen der Nachhaltigkeit und (Bio-)Diversität. Sie leitet und arbeitet in inter- und transdisziplinären Forschungsprojekten sowie in Projekten der wissenschaftlichen und kulturellen Bildung. Sie ist Mitglied in mehreren wissenschaftlichen Gremien und im Environmental History Cluster Austria (EHCA).

Naturschutz – vom Verhinderer zum Ermöglicher

Setzt man sich mit der Geschichte des Naturschutzes auseinander, so kann man feststellen, dass sich die Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Natur immer wieder ändert. Am Beispiel der Entstehungsgeschichten von Schutzgebieten wie zum Beispiel National- oder Biospährenparks lässt sich das besonders gut beobachten.
Bereits frühe Hochkulturen haben Taburäume ausgewiesen (zum Beispiel heilige Wälder oder heilige Berge). Aber auch sehr ursprüngliche Gesellschaften haben komplexe Regelungen für den Umgang mit wertvollen Ressourcen (zum Beispiel Wasser, Holz, jagdbare Tiere) geschaffen. Der Naturschutz im heutigen Sinn hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Die ersten Nationalparks wurden in den Vereinigten Staaten geschaffen, als man feststellte, dass selbst in diesem weiten Land Grund und Boden endlich waren.
Die ersten europäischen Parks nach amerikanischem Vorbild wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingerichtet. Sehr oft war der ausschlaggebende Impuls für solche Parkinitiativen, dass die Errichtung großer Infrastrukturanlagen (zum Beispiel Hotelanlagen, Kraftwerke, Seilbahnen) verhindert werden sollte. Doch die Motivlage war vielschichtiger und stand immer wieder in Wechselwirkung mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit, beispielsweise politischen Umbrüchen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, technischem Fortschritt oder wirtschaftlichen Entwicklungen.
Sehr oft wurden die Naturschutzinitiativen belächelt oder es wurde ihnen vorgehalten, dass sie den Fortschritt behindern und die Entwicklungsmöglichkeiten einer Region sehr einschränken würden. Dieses Bild hat sich stark gewandelt. Heute sind die Parkmanagements gefestigte Institutionen, die bedeutende Funktionen in der Region wahrnehmen und die im besten Falle zu einer nachhaltigen Regionalentwicklung beitragen können.



Matthias Loretto MSC PhD

Technische Universität München, Nationalpark Berchtesgaden

Foto: Andrius Pašukonis

Matthias Loretto ist ein österreichischer Verhaltensbiologe, der sich besonders für Interaktionen zwischen Tieren und den Auswirkungen des Menschen auf Tiere interessiert. Während seiner Doktorarbeit an der Konrad Lorenz Forschungsstelle, stattete er Kolkraben erstmals mit GPS-Sendern aus, um deren Bewegungsökologie in den Alpen zu untersuchen. 2019 wechselte er ans Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell am Bodensee und erforschte die Beziehungen zwischen Kolkraben, Wölfen und Pumas im Yellowstone Nationalpark. Kurz nach Pandemiebeginn gründete er mit Kollegen die COVID-19 Bio-logging Initiative um die Effekte des COVID-19 Lockdowns auf die Tierwelt zu untersuchen. Im Juni 2021 wechselte er an der Technischen Universität München und leitet seither die Wirbeltierforschung im Nationalpark Berchtesgaden.

Forschung an Kolkraben - vom Wildpark in Grünau bis zu den Wölfen in Yellowstone

Einige Rabenvogelarten sind Kulturfolger und beschäftigen die Menschen schon seit jeher. Von vielen bewundert und geliebt, von anderen verhasst und getötet - nur wenige Tierarten scheiden die Geister so stark wie Kolkrabe und Co. In meinem Vortrag werde ich einen kurzen historischen Rückblick geben, über die Rolle der Raben in der Mythologie, deren Verfolgung durch den Menschen, sowie deren erfolgreiche Rückkehr. Anschließend werde ich auf meine Forschung an Kolkraben in den Alpen eingehen, einem stark vom Menschen geprägten Lebensraum. Ausgehend vom Wildpark in Grünau, wo man das Verhalten von Raben im Wildschwein- und Wolfsgehege leicht beobachten kann, werde ich Bewegungsdaten von Kolkraben mit GPS-Sendern präsentieren. Welche Nahrungsquellen nutzen Raben in Mitteleuropa vorwiegend, wie groß sind ihre Streifgebiete und inwiefern haben sie sich an den Menschen angepasst? Im Weiteren werde ich auf mein aktuelles Projekt im Yellowstone Nationalpark eingehen, einem vergleichsweise naturnahem Schutzgebiet. Seit langem wurde dort Raben und Wölfen eine besondere Beziehung nachgesagt. Stimmt es, dass Raben im Winter Wölfe verfolgen, um Futter von deren Rissen zu stehlen und sogar Wölfe auf Beutetiere aufmerksam machen? Oder sind Raben reine Opportunisten, die nur als eine von vielen Möglichkeiten Wölfe und andere Beutegreifer wie Pumas nutzen, um an Nahrung zu kommen?


Dr. Georg Rauer

Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien

Foto: privat

Georg Rauer ist seit 2007 am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien angestellt, davor war er Mitarbeiter des WWF Österreich bzw. freiberuflicher Biologe. Die telemetrische Verfolgung der Bären im Wiederansiedlungsprojekt des WWF war 1989 sein Einstieg in die Beschäftigung mit großen Beutegreifern. Fragen des Managements traten bald in den Vordergrund. Ab 1995 bzw. 2012 übernahm er in Abstimmung mit der Länderübergreifenden Koordinierungsstelle für den Bären, Luchs und Wolf die Aufgaben des Bärenanwalts und Wolfsbeauftragten gemäß ihrer Definition in den entsprechenden Managementplänen. Seit 2019 ist er Berater des von Bund und Ländern neu gegründeten Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs.

Die Rückkehr von Bär, Wolf und Luchs nach Österreich und der Faktor Mensch im Wandel der Natur

Über Jahrhunderte sind Bären, Wölfe und Luchse intensiv verfolgt und in schrumpfende Rückzugsgebiete gedrängt worden. Jetzt kehren sie zurück. Die Reliktpopulationen wachsen und gewinnen wieder an Boden. Manche breiten sich schneller aus, manche langsamer, manche benötigen etwas Hilfe, manche sind nicht zu bremsen. Natur im Wandel. Auslöser dieser Entwicklung sind nicht primär natürliche Ursachen, sondern unsere geänderte Einstellung gegenüber der Natur. Der Naturschutzgedanke keimte vor 150 Jahren, benötigte aber etwas Zeit, bis er auch schwierige Arten, die Schaden verursachen und mitunter gefährlich werden können, miteinschloss. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurden Bär, Wolf und Luchs in den europäischen Staaten nach und nach unter Schutz gestellt oder deren jagdliche Verfolgung wurde zumindest strengeren Regeln unterworfen. Die Wissenschaft begleitete diese Entwicklung und förderte die Veränderung des Blickwinkels auf diese Arten während die Veränderung des Blickwinkels wiederum Einfluss auf die Ausrichtung der wissenschaftlichen Fragestellungen hatte. Durch Mehrung der Kenntnisse über deren Lebensweise hat die Wissenschaft uns die Arten vertrauter gemacht und deren Funktion im Netz der ökologischen Zusammenhänge nähergebracht. Das nötige Management zur Gestaltung des Zusammenlebens mit großen Beutegreifern in der Kulturlandschaft hat neue Fragen an die Wissenschaft generiert, z.B. die Ausformung eines verlässlichen Monitorings oder die Modellierung von Bestandsentwicklung und möglicher Verbreitung. Auf dem Gebiet der Philosophie sind in unserem Umgang mit Natur ethische Aspekte immer stärker hervorgetreten, die eine Verpflichtung zur Erhaltung der Lebensräume und Arten, einschließlich der großen Beutegreifer, mit sich bringen. Aktuell sind die Bestandszahlen für Bär, Wolf und Luchs in Österreich noch recht bescheiden. Ca. 50 Wölfe hielten sich 2020 für längere oder kürzere Zeit im Lande auf und dieselbe Größenordnung kann bei den Luchsen angesetzt werden, Bären hingegen beschränkten sich auf ein paar wenige Individuen. Reproduktion beobachten wir in geringem Ausmaß bei Wölfen und Luchsen, bei den Bären fehlen die Weibchen. Das Potenzial zur Bestandszunahme ist jedoch für alle drei Arten gegeben und das Management wird in Zukunft stärker gefordert sein, dem Ziel des konfliktfreien Zusammenlebens näher zu kommen.


Mag. Dr. Johannes Weidinger

Kammerhofmuseum Gmunden, Gastprofessor an den Universitäten Wien und Salzburg sowie an der PH Linz

Foto: privat

Johannes Thomas Weidinger ist seit 2019 Leiter des Kammerhof-Museums-Gmunden. Dort besetzt er eine wichtige vermittelnde Stelle zwischen internationaler Wissenschaft, lokaler Forschung und der Wissensvermittlung in Form von Veröffentlichungen und Ausstellungen zu naturkundlichen und kulturellen Themen.
Er ist Spezialist für Massenbewegungen, was durch zahlreiche Projekte und Publikationen in angesehenen Fachzeitschriften reflektiert wird. Weiters hat sich Weidinger mit der Bearbeitung der Gschliefgraben-Rutschung und mit der Organisation von mehreren Fachtagungen und Edition von Büchern über dieses Thema einen Namen gemacht. Er ist Lektor bzw. Gastprofessor an den Universitäten Wien und Salzburg sowie an der PH Linz, versucht aber auch, sein Wissen verständlich für die Allgemeinheit und insbesondere für Schulkinder und Jugendliche aufzubereiten.

Es bleibt kein Stein auf dem anderen

Unablässig verändert sich die Landschaft des Salzkammerguts – manche Prozesse dauern Jahrmillionen oder Jahrtausende andere wieder passieren in wenigen Minuten. Vor allem Massenbewegungen – wie der große Bergsturz im Almtal – bereichern unseren Lebensraum durch ihren Formenschatz, führen aber in ihrer aktiven Phase leider meist auch zu erheblichen Beeinträchtigungen bzw. zu massiver Zerstörung von Infrastruktur, Siedlungs- und Kulturraum.
Um solche Schäden zu minimieren, ist es daher unbedingt erforderlich, präventive Maßnahmen zu betreiben. Dadurch können allfällige katastrophale Ereignisse früher erkannt und Gegenmaßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden.
Der Beitrag der Geowissenschaften bei der Erforschung von Massenbewegungen liegt in den meisten Fällen in einer soliden Grundlagenforschung oder – gerade in Zeiten globaler Klimaveränderungen – einem gezielten Monitoring mit modernsten geophysikalischen Methoden. So kommt ihnen auch ein hoher Stellenwert bei der Früherkennung von sowie Frühwarnung vor katastrophalen Massenbewegungen zu. Zielgerichtete und vor allem rechtzeitige Forschung als präventive Maßnahme ist bei der Entscheidungsfindung, Bewältigung und Sanierungen von Schäden durch Massenbewegungen äußerst hilfreich, wie man am Beispiel der Gschliefgraben-Großrutschung 2007/08 sehen konnte.
Allgemein scheint vor allem der Mensch ein kurzes Gedächtnis in Bezug auf Gebirgskatastrophen zu haben; beim Geowissenschaftler sollte dies nicht der Fall sein. Gerade im Gegenteil, er sollte seiner Zeit und der Natur immer einen Schritt voraus sein und rechtzeitig vor möglichen Katastrophen warnen!