Dazugehören – fremd sein: Wir und die Anderen

 

Obwohl Menschen überaus gescheit sind, wird dennoch wie eh und je zwischen Klans, Städten, Völkern und Ländern gekämpft; völkische Nationalstaaterei triumphiert über humanistische Verfassungen und internationale Kooperation. Appelle an den Weltfrieden, zu globaler Nächstenliebe und ökologischem Wirtschaften kontrastieren frustrierend mit der rauen Realität. Klimawandel und Kriege lösen Wanderbewegungen aus, die bei uns als "Flüchtlingskrisen" ankommen. Scheitern heute Humanismus und Aufklärung am Gegensatz zwischen steinzeitlichen Mentalitäten und den Notwendigkeiten des globalen Dorfs? Das Biologicum 2018 untersucht mit "Dazugehören – fremd sein" die menschliche Universalie des Abgrenzens von "den Anderen" und die Bedingungen für ein "Miteinander" über die Grenzen der eigenen Gruppe hinweg.   

"Dazu gehören" ist für Menschen überlebenswichtig. Sogar das relativ größte Gehirn mit den meisten Nervenzellen unter allen Wirbeltieren, unsere Denkfähigkeit, ist letztlich dem komplexen Sozialleben geschuldet. Durch die Kooperation in der Gruppe und in Konkurrenz mit den Nachbarn wurden wir zum reflektierenden, philosophischen und spirituellen Homo sapiens. Trotz aller Individualität sind Menschen im Grunde Angehörige ihrer Gruppen, Familie, Klasse, Staat. Dass dies oft mit Skepsis gegenüber "den anderen" einhergeht, entpuppt sich heute als eine der größten Hürden für eine gute Zukunft der Menschheit. 

Diese seltsame Fremdenskepsis entstand wie alle geistigen und sozialen Anlagen des Menschen in einer langen evolutionären Geschichte als Kleingruppenwesen. Und bereits im Alten Testament findet sich: Vorrang soll beim barmherzigen Geben den eigenen Familienmitgliedern eingeräumt werden, gefolgt von den Menschen aus der eigenen Stadt, danach erst kommen die Bedürftigen die "weiter weg" sind. Letztlich entspricht dies dem von William D. Hamilton in den 1970er Jahren als evolutionäre Grundregel für Kooperation formulierten "Prinzips der inklusiven Fitness". Soziale Bienen, Ameisen, Wölfe, Schimpansen und ursprüngliche Menschen sind/waren durch arbeitsteilige Kooperation innerhalb ihrer Klans erfolgreicher, nicht selten in aggressiver Konkurrenz mit den Nachbarn.

Im Zuge des Biologicum 2018 wollen wir das Kontinuum zwischen der Biopsychologie und den gesellschaftlichen Erscheinungen des Dazugehörens vs. Fremd darstellen. Der Bogen spannt sich von den evolutionären Wurzeln (K. Kotrschal, Universität Wien, K. Hirschenhauser, Pädagogische Hochschule Oberösterreich) über die Gehirnfunktionen (C. Lamm, Universität Wien) bis zu den konkreten Kollusionen im Nahen Osten (T. Schmidinger, Universität Wien), dem Krieg als menschliche Konstante (I. Steffelbauer, Universität Wien) und der Frage, ob die sozialen Medien eher vernetzen oder spalten (H. Baumgartner, PenTribe).